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Warum zitieren wir?

Dieser Workshop ist dem Zitierworkshop "Zitieren - aber richtig!" entnommen. Für eine ausführliche Betrachtung des Themas einfach dem Link folgen!

Zwerge auf den Schultern von Riesen

Um zu lernen, was das Wort „Zitieren“ denn eigentlich bedeutet, springen wir einmal weit in die Geschichte zurück. Der Engländer Johannes von Salisbury schrieb einmal in seinem 1120 veröffentlichten Werk Metalogicon1):

„Dicebat Bernardus Carnotensis nos esse quasi nanos gigantum umeris insidentes, ut possimus plura eis et remotiora videre, non utique proprii visus acumine, aut eminentia corporis, sed quia in altum subvehimur et extollimur magnitudine gigantea.„

„Bernhard von Chartres sagte, wir seien gleichsam Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen, um mehr und Entfernteres als diese sehen zu können – freilich nicht dank eigener scharfer Sehkraft oder Körpergröße, sondern weil die Größe der Riesen uns emporhebt.“

(Johannes von Salisbury: Metalogicon 3,4,46-50)

Was meinte dieser Bernhard von Chartres denn damit, als er von uns als den „Zwergen auf den Schultern von Riesen“ sprach? Überlege für Dich selbst oder mit einem Lernpartner!

Je weiter oben, desto besser sieht man

Hast Du eigene Ideen gesammelt? Gut! Dann sind wir einmal gespannt, ob Du bereits erahnen kannst, was Bernhard von Chartres mit seiner Aussage meinte.

Die Zwerge - das sind nämlich wir. Wir sitzen auf den Schultern von ganz vielen Menschen und Generationen vor uns, die bereits viele kluge Sachen erfunden haben. Ohne sie würdest Du heute wohl kaum am Computer sitzen und im Internet surfen! Und auch auf anderen Gebieten haben unsere Vorfahren Großes geleistet: So hat in Deutschland im Jahr 1870 jedes vierte Kind seinen fünften Geburtstag nicht erlebt, weil es meistens vorher schon an Durchfall gestorben ist.2) Stell dir das einmal vor! Zum Glück ist unsere Medizin heute viel weiter. Und das verdanken wir den Riesen - also all den Menschen, die lange vor unserer Zeit geforscht haben, damit wir heute über die notwendigen Erkenntnisse und Medikamente verfügen.

Gut, wirst du sagen, aber wir forschen ja heute immer noch! Und Du hast Recht: Während Du diesen Artikel hier liest, untersucht gerade der Roboter „Curiosity“ die Zusammensetzung des Marsgesteins, und in den Laboren dieser Welt forschen Mediziner nach immer neuen Wegen, den Krebs zu besiegen. Du hast richtig erkannt: Die Zwerge von heute werden die Riesen von morgen sein - denn von unseren heutigen Erkenntnissen werden die Generationen nach uns profitieren.

Und wo liegt das Problem?

Du kannst Dich sicher noch an das Problem der gestohlenen Hausaufgabe erinnern. Genau das passiert, wenn ein Zwerg - also ein Wissenschafter - so tut, als habe er eine bahnbrechende Erkenntnis erforscht, obwohl er eigentlich nur bei einem der Riesen abgeschrieben hat, also dessen Wissen geklaut hat und so tut, als wäre es sein eigenes Wissen. Das ist nicht fair! Viel gerechter ist es, wenn man eindeutig sagt, wo man etwas gelernt hat und wer denn ursprünglich diese Erkenntnis hatte. Sonst ist das Wissenschaftsdiebstahl - und das ist in der Tat ein schweres Delikt.

Übrigens hat auch Johannes von Salisbury nicht behauptet, er habe persönlich die Idee mit den Zwergen und Riesen gehabt. Nein - er hat fair erwähnt, dass auf die Idee schon ein anderer, nämlich Bernhard von Chartres gekommen ist. Du siehst: Wenn man die Gedanken kluger Menschen aufgreift, zollt man ihnen Respekt und kann anderen Leuten etwas beibringen!
1)
Unbekannt: Encyclopedic manuscript containing allegorical and medical drawings. URL http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/4/4a/Library_of_Congress%2C_Rosenwald_4%2C_Bl._5r.jpg/378px-Library_of_Congress%2C_Rosenwald_4%2C_Bl._5r.jpg, Wikimedia Corporation, Stand: 14.06.2014.
2)
RAZUM, Oliver; BRECKENKAMP, Jürgen: Kindersterblichkeit und soziale Situation - Ein internationaler Vergleich. In: Deutsches Ärzteblatt (2007), Nr. 43, S. 104.
methoden/recherchieren_1/recherchieren_1_05.txt · Zuletzt geändert: 2018/02/08 16:50 von herr-stritt