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Operatoren „Beurteilen“ und „Bewerten“

In diesem methodischen Leitfaden1) soll es zunächst um den grundlegenden Unterschied zwischen den Operatoren Beurteilen und Bewerten gehen. Danach zeigen wir euch anhand verschiedener Kategorien, aus welchen Perspektiven eine Problemstellung beurteilt oder bewertet werden kann. Last but not least findet ihr eine Checkliste vor, wie ein Sach- oder Werturteil prinzipiell aufgebaut werden kann.

Der Unterschied zwischen dem Beurteilen und Bewerten

Es ist nicht ganz leicht, den Unterschied zwischen den Operatoren Beurteilen und Bewerten festzumachen. Es gibt auch einige Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Aufgabenverben - schauen wir uns diese zunächst einmal an.

Bei beiden Aufgabenverben geht es darum, eine komplexe Fragestellung problemorientiert anzugehen. Beiden Operatoren liegt eine multiperspektivische Herangehensweise zugrunde, das heißt, die Qualität eures Sach- bzw. Werturteils entscheidet sich nicht zuletzt daran, wie gut ihr verschiedene Sichtweisen mit einfließen lasst.

Der Operator "Beurteilen"

Um die Unterschiede festzustellen, hilft es, zunächst einmal den Operator „Beurteilen“ in den Fokus zu nehmen, der ein Sachurteil beschreibt.

Ziel eines Sachurteils ist eine wissenschaftliche Aussage über einen Ist-Zustand, die über die Fächergrenzen hinweg überprüfbar ist.

Klingt kompliziert? Nehmen wir uns ein Beispiel. Jeder redet gern über das Wetter. Wie lässt sich nun ein Sachurteil über das Wetter fällen? Wenn wir diesen Gegenstand wissenschaftlich betrachten (siehe Methodenworkshop „Wissenschaftliches Arbeiten“), brauchen wir überprüfbare Messgrößen.

Ein Sachurteil über das Wetter können wir uns also dann erlauben, wenn wir das heutige Wetter zum Beispiel durch Temperatur und Luftfeuchte messen. Wollen wir uns mit der Frage „Sind die Löhne in Deutschland gerecht?“ beschäftigen, so messen wir zum Beispiel die Einkommensverteilung durch Verteilungsmaße.

Bei einem Sachurteil stellen wir uns die Frage: Was ist (objektiv) messbar? und urteilen anhand treffender Kriterien.

Der Operator "Bewerten"

Im Gegensatz zum wissenschaftlichen Sachurteil stellt das Werturteil unter dem Operator „Bewerten“ eine Aussage dar, die eine persönliche Meinung, eine Einstellung wiedergibt.

Aber Achtung: Dies bedeutet nicht einfach, einen Gegenstand unter ein simples „Gut“ oder „Schön“ zu stellen. Ein Werturteil ist qualitativ immer dann besser, wenn die Begründung komplex und angemessen ist.

„Heute ist schönes Wetter“ reicht also als Werturteil nicht aus - „Das Wetter ist schön, da es schon lange nicht mehr so viele Sonnenstunden gab“ ist als Werturteil deutlich besser. Ebenso ist „Die Einkommensverteilung ist ungerecht“ kein gutes Werturteil - argumentiert mit Gründen: „Die Einkommensverteilung ist ungerecht, da sie die ärmeren Bevölkerungsschichten vernachlässigt.“

Ein Werturteil stellt die Frage: Was ist erwünscht / unerwünscht? und führt treffende Gründe und Kriterien für dieses Urteil an.

Kriterienkatalog für das Beurteilen und Bewerten

Euer Urteil ist umso besser, je mehr ihr es an ein spezifisches Kriterium knüpft. Hier findet ihr einen Kriterienkatalog, mithilfe welchem ihr euer Urteil stichhaltig und qualitativ gestalten könnt.

Achtung: Die Kriterien können sich je nach Fach (Gemeinschaftskunde, Geschichte, Religion) unterschiedlich gestalten. Redet mit eurer Lehrerin bzw. eurem Lehrer, anhand welcher Kriterien ihr euer Urteil fällen könnt.
Kriterium Mögliche Fragestellungen bzw. Aspekte
Effektivität und Effizienz Welche Maßnahmen sollen zum Ziel führen (Ziel-Mittel-Relation)?
Stehen Kosten in vertretbarem Verhältnis zum angestrebten Nutzen?
Legitimität moralisch
gesetzlich / verfassungsrechtlich (Grundgesetz, Menschenrechte)
Gerechtigkeit Ist die zu beurteilende Maßnahme gerecht im Sinne von Leistungs-, Bedarfs- und Generationengerechtigkeit?
Dient die Entscheidung der sozialen Gerechtigkeit?
Solidarität politisch (Bürgerverantwortung)
sozial (Gemeinwohl)
international
Freiheit Wird die Privatsphäre ausreichend geschützt?
Wird die freie Entscheidungsmöglichkeit / religiöse bzw. weltanschauliche Überzeugungsfreiheit / Kommunikationsfreiheit / wirtschaftliche Handlungsfreiheit gewahrt?
Transparenz und Kontrolle Ist der Entscheidungsprozess für die Öffentlichkeit zugänglich?
Gleichheit Werden alle vor dem Gesetz gleich behandelt? (rechtliche Gleichheit)
Besitzen alle BürgerInnen die gleiche Möglichkeit zur Partizipation?
Wird allen gesellschaftlichen Interessen die gleiche Möglichkeit zur Beeinflussung politischer Entscheidungen gegeben?
Sicherheit - innere
- äußere
Nachhaltigkeit - ökologisch
- ökonomisch
- sozial
Umsetzbarkeit Wie realistisch ist die Umsetzung?
Anreizwirkung Geht von dem zu beurteilenden Sachverhalt ein Anreiz aus, bestimmte Maßnahmen zu ergreifen, oder wird dies eher gehemmt?
Treffsicherheit Setzt die zu beurteilende Maßnahme an der richtigen Stelle an?
Reichweite Wer ist in welchem Maße betroffen?
Relevanz Welche Bedeutung kommt der Maßnahme/dem Vorgang zu?

Möglicher Aufbau für ein Sach- bzw. Werturteil

Diese Checkliste stellt *eine* Möglichkeit dar, ein Sach- oder Werturteil aufzubauen. In unserer Selbstlernphase beispielsweise ist es darüber hinaus wichtig, eine zentrale Quelle mit einzubeziehen und kurz zu analysieren.

Sachurteil

  1. Feststellung eines Sachverhaltes bzw. einer Fragestellung/These entsprechend der Aufgabenstellung;
    1. Definition von Fachbegriffen und/oder zentralen Begriffen
  2. Überprüfen des Sachverhaltes/der Aussage mit Hilfe von Kriterien. (Hierbei können verschiedene Perspektiven eingenommen werden, z.B. die politische, soziale, ökonomische oder militärische. Es kann ferner hilfreich sein, zuvor verschiedene Teilbereiche zu unterscheiden und diese dann einzeln zu überprüfen.)
  3. Urteil finden

Werturteil

  1. Punkt 1. – 3. Siehe Beurteilen
  2. Bestimmung der Werte, die in den angesprochenen Funktionen/Sachverhalten umgesetzt oder verletzt werden
  3. Darlegung, welche Kriterien und Maßstäbe für das eigene Urteil/die eigene Entscheidung von besonderer Bedeutung sind und warum
  4. Wertentscheidung

Relevanz der Aufgabenstellung

Zentral für ein gutes Urteil sind - neben der Anwendung der Kriterien auf die Frage Urteil/Wertentscheidung - die Hinführung zum Thema sowie die Definition von Begriffen.

Beachtet darüber hinaus jeweils die Aufgabenstellung genau, falls sie euch vorgegeben wird! Denn:

  1. Eventuell sind schon bestimmte Kriterien für die Urteilsfindung vorgegeben.
  2. Nicht jedes Kriterium passt zu jeder Fragestellung.

Abschließend gilt: Es geht nicht um die Menge von Kriterien, die angelegt werden, sondern vor allen Dingen um die genaue und vertiefte Auseinandersetzung mit der Problemfrage.

1)
Disclaimer: Diese Inhalte stammen aus einer hervorragenden Sprengelsitzung der Fachschaft Gemeinschaftskunde am Regierungspräsidium Karlsruhe.
methoden_meister/beurteilen_bewerten.txt · Zuletzt geändert: 2017/01/29 17:21 (Externe Bearbeitung)